HARPA Internet Magazine            interview mit brigitte langnickel-köhler

brigitte langnickel-köhler
"Im Moment boomt die Harfe besonders stark, soviel Schüler hatte ich noch nie, einerseits ist das wohl ein Multiplikationseffekt, andererseits, besonders bei Unterrichtsnachfrage von Erwachsenen geht das parallel mit der aktuellen Mystik und Feenwelle einher, einer Sehnsucht nach archaischen Klängen (irische Folkmusik steht bei dieser Klientel ganz oben an) und einer diffus romantischen Vorstellung bei fast allen, die sich für die Harfe entscheiden. Die sind dann meistens positiv überrascht, bei meinen Konzerten zu hören, was die Harfe sonst noch zu bieten hat als musikalisches Ausdrucksmittel."

Wie verlief Ihr Weg zur Musik und zur Harfe?

Mein musikinteressiertes Elternhaus hat natürlich meine Berufswahl beeinflusst. Ich bekam früh Klavierunterricht, besuchte Konzerte, Theater. In einem Kammerkonzert für Flöte und Harfe hörte ich Helga Storck. Statt Klavier Harfe zu spielen schien ein unerreichbarer Traum – ergab sich dann aber ganz plötzlich fast von selbst. Von meinen Eltern erfuhr ich dabei jede wünschenswerte Unterstützung.

 

Ist der Komponist Wolfgang Köhler Ihr Vater? Hat er für die Harfe komponiert?

W. Köhler ist nicht nur nicht mein Vater, er auch in keiner Weise mit mir verwandt. Wolfgang Köhler lernte ich vor etwa 25 Jahren kennen.

 

Er komponierte zunächst die „Aphorismen” für Harfe und Klavier für uns, das Langnickel-Duo. Der mit diesem so humorvollen und herzlichen Menschen schnell entstandenen Freundschaft entsprangen seine beiden großen Harfensolowerke: „Triptychon” Op.59 und „Variationen über ein Thema von J.S. Bach in der Bearbeitung von J. Brahms” Op.62, weiter „Meditationen” für Harfe und Klavier/Cembalo/Orgel, „Concertino” für Harfe, Klavier und Orchester (bisher nur in der Fassung als Harfe-Klavier Duo-Stück „Konzertstück” aufgeführt!) und zuletzt die „Jerusalem Fantasie” für Harfe und Klavier. Wolfgang Köhler starb im Oktober 2003 80-jährig.

 

Welche Musiker haben Sie am meisten beeindruckt und beeinflusst?

J.S. Bach, The Rolling Stones, Dietrich Fischer-Dieskau

 

Warum wollten Sie nicht ins Orchester?

Die Mentalität der Orchestermusiker, die ich zu Studienzeiten kannte, empfand ich als äußerst „abtörnend”. Außerdem wollte ich autark in Programm- und musikalischer Gestaltung – sozusagen „mein eigener Herr” sein. Dann sah ich die ersten Hakenharfen aus Japan, und damit war die Möglichkeit offen, die Harfe zu popularisieren.

 

Ich hatte ja schon während des Studiums ein paar Klavierschüler und gemerkt, dass ich dafür ein Händchen habe und meine Lust am Unterrichten entdeckt.

 

Sie haben erfolgreich nach Literatur für die „unmögliche” Instrumentenkombination Harfe plus Tasteninstrument gesucht, und Ihre Spezialität ist das Duo Harfe mit Klavier, Pianoforte, Orgel oder Cembalo, zusammen mit Ihrem Mann Reinhard Langnickel. Wie sind Sie dabei vorgegangen, um sich ein Repertoire und eine geeignete Spieltechnik für das Zusammenspiel dieser zwei Instrumente zu erarbeiten?

Die Literatur zu finden war nicht das Problem, sie zu bekommen – fast nichts war damals verlegt – schon schwieriger, vor allem sehr teuer, es gab zu Beginn unserer Arbeit noch nicht unbegrenzt Kopiermöglichkeiten, Mikrofilme waren meist in sehr schlechter Qualität, Computer – gar nicht dran zu denken, das hieß also auch: Noten abschreiben, meist in Nachtarbeit.

Die Spieltechnik? Nun, wir waren mit einer guten Ausbildung ausgerüstet, der Rest war und ist Arbeit, Kontrolle, Arbeit. Wissen aneignen um die Klangvorstellung der jeweiligen Epochen. Zunächst haben wir das Repertoire auf modernen Instrumenten einstudiert, später hatten wir die passenden historischen Instrumente. Da wir aber auch immer sehr an zeitgenössischer Musik interessiert waren/sind und unseren Auftrag auch darin sahen/sehen, diese zu vermitteln, ist es – außer bei ganz speziellen Veranstaltern für historische Musik – für uns interessanter, gemischte Programme auf modernen Instrumenten zu spielen und auf diese bei der Literatur des Barock und der Klassik die klangliche Idee der historischen Instrumente zu transportieren. Entscheidend ist nicht das Instrument, sondern das Vermitteln des Zeitgeistes, in dem das Werk entstanden ist, so gut wie möglich hinzubekommen.

 

Welche Probleme mussten Sie dabei überwinden?

Schnell und laut spielt es sich schwerer auf moderner Harfe zu modernem Klavier als auf z.B. Erard-Harfe zu Hammerklavier, heißt also: arbeiten

 

Sie haben sehr früh angefangen, Kinder zu unterrichten und haben Lehrwerke verfasst. Welches sind Ihre pädagogischen Erkenntnisse, Erfahrungen und Grundsätze?

Geduld, Offenheit, Neugier, Menschenliebe, Freude über das Interesse an der mir so wichtigen Musik. Achtung vor dem und Beachtung des Individuums. Jeder bekommt das, was er erreichen will. Jeder hat ein anderes Ziel, muss aber auch einen anderen Weg gehen. Es lohnt sich immer, auch das kleinste Licht fängt auf seine Weise an zu leuchten – eines Tages. Meine Aufgabe ist es, zu verlocken die Ansprüche an sich und an ihr Können bei den Schülern höher zu schrauben.

 

Es gibt keine starren Regeln. Ein Kollege sagte mir kürzlich: „Wenn du nach zehn Jahren noch Unterricht vorbereiten musst, stimmt was nicht.”  Das sehe ich überhaupt nicht so, und es wäre mir auch viel zu langweilig. Ich finde es spannend, mit jedem neuen Schüler seinen Weg herauszufinden.

 

Wenn ich mit fortgeschrittenen Schülern im Ensemble spiele, fühlen sich hoffentlich alle quasi gleichberechtigt, jeder bekommt die seinem Können gemäße Aufgabe und muss manchmal über sich hinauswachsen. Ich glaube, das macht meinen Schülern genau soviel Spaß wie mir.

 

Welches sind die wichtigsten Kompositionen, die Sie veranlasst und uraufgeführt haben?

Von Wolfgang Köhler siehe oben, weiter von Max Stern „Jacob Struggling with the Angel” für Harfe und Klavier. Ganz wichtig die drei „kleinsten” Stücke: „Nachtstücke” für Harfe und Klavier von Manfred Trojahn, die er während unserer gemeinsamen Studienzeit und Freundschaft in Braunschweig auf mein Betreiben schrieb und mit denen ich mir meinen Mann geangelt habe.

 

Natürlich ist mein meistgespieltes und sehr erfolgreiches zeitgenössisches Werk eine Eigenkomposition, aber das Pseudonym lüfte ich auch hier noch nicht.

 

Welche Entwicklung sehen Sie in der gegenwärtigen musikalischen Präsenz der Harfe in Deutschland seit dem Beginn Ihrer Berufslaufbahn und in der weiteren Zukunft?

Starke Zunahme der Harfenpräsenz und Wahrnehmen der Vielfalt der Harfentypen und -musik. Im Moment boomt die Harfe besonders stark, soviel Schüler hatte ich noch nie, einerseits ist das wohl ein Multiplikationseffekt, andererseits, besonders bei Unterrichtsnachfrage von Erwachsenen geht das parallel mit der aktuellen Mystik und Feenwelle einher, einer Sehnsucht nach archaischen Klängen (irische Folkmusik steht bei dieser Klientel ganz oben an) und einer diffus romantischen Vorstellung bei fast allen, die sich für die Harfe entscheiden. Die sind dann meistens positiv überrascht, bei meinen Konzerten zu hören, was die Harfe sonst noch zu bieten hat als musikalisches Ausdrucksmittel.

 

Wie es weitergeht kann man ja nicht wissen, ich glaube aber, die Tatsache, dass so viele spannende neue Werke für und mit Harfe entstanden sind, bannt die Gefahr, dass die Harfe als Solo- und Kammermusikinstrument wieder so in der Versenkung verschwindet wie nach 1800.

Website at Harpa: Brigitte Langnickel-Köhler

 

Interview: Rudolf Frick

 

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